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Ich steh auf Hummer!

10. Dezember 2012 von Chris Kurbjuhn

Tja, jetzt wird's spannend: welchen Hummer meine ich?

 

Diese spritsaufenden CO2-Schleudern fürs Gelände? Oder jene köstlichen, wohlschmeckenden Schalentiere, aus denen selbst Koch-Anfänger in nullkommanix (knapp gar gekocht, halbiert und mit Schalottenbutter übergossen kurz gegrillt z.B.) eine Riesendelikatesse zubereiten können?

Wenn ich die Schalentiere gemeint habe, könnte ich Probleme bekommen, denn wer hierzulande Geld in gutes Essen und Trinken investiert, gerät sofort unter den Generalverdacht, ein Verschwender zu sein.

„Was, du warst im Vau? Na, du scheinst es ja dicke zu haben...“ ist eine häufige Antwort, die man erhält, wenn man im Freundeskreis (!) von beglückenden Erlebnissen in der Luxusgastronomie berichtet, und man muss darüber froh sein, denn das ist noch die freundliche Variante. Andere Zeitgenossen bekommen bei der Vorstellung, dass jemand einen dreistelligen Betrag für ein festliches Essen für zwei Personen ausgegeben hat, sofort Schaum vorm Mund und geifern irgendwas von

Überschätztespitzengastronomiegaunerabzockelandgasthofschnitzelaldisowiesoallesbesserundbilliger.  

Man sehe sich nur unsere Prominenten an, denen sofort der Angstschweiß von der Stirn tröpfelt, wenn sie nach ihrem Lieblingsessen gefragt werden. Reflexhaft bellen besonders Politiker etwas von „Muttis Eintopf“ heraus, ansonsten verwöhnen die Vorzeigedeutschen ihre Gaumen mit Schnitzel, Pasta und – natürlich – der unverwüstlichen Bratkartoffel.

Ich ess ja auch gern Bratkartoffel, die ein oder andere Nudel verirrt sich des öfteren ebenfalls auf meinen Teller und gegen ein Wiener Schnitzel ist ja auch ü-ber-haupt nichts einzuwenden, aber das ist Alltagsküche. Das sind alles Dinge, die man sich tagtäglich auf den Teller packen kann, wenn man etwas so oft essen kann, wie man will, dann kommt es einem irgendwann aus den Ohren raus? Lieblingsessen?

Ist es wirklich so schwer, sich statt zur Plupmsküche zu knackigen Scampi zu bekennen? Müssen wir wirklich darüber diskutieren, dass Tournedos Rossini ein paar hundert Zacken raffinierter sind als Sauerbraten? Muss man sich jedesmal dafür rechtfertigen, wenn man gemeinsam mit dem Sommelier einen anständigen Wein aussucht, statt sich ein Weizenbier zu bestellen?

Manchmal glaube ich, dass wir auf ewig dazu verdammt sind, ein Volk zu bleiben, dass selbstgenügsam hinter Butzenscheiben in der Gulaschsuppe rührt, während z. B. der französische Familienvater die Seinen einmal im Jahr ins Sterne-Restaurant einlädt, um es mal so richtig krachen zu lassen.

Das ist bei unseren Nachbarn (nicht nur den Franzosen!) nämlich so üblich. Die sind stolz auf ihre tollen Produkte, ihre Bresse-Hühner, ihre Charolais-Rinder, ihre Weltklasse-Weine und auf ihre Küche, die diese Produkte auch zur Geltung zu bringen weiß. Aber... wir haben ja unsere Bratkartoffeln. Und unsere Empörung über Leute, die es wagen, in der Top-Gastronomie ein bisschen Geld zu lassen, um ihre wirklichen Leibgerichte zu genießen.

Das Essen ist uns (Achtung, Wortwitz!) Wurscht, unser Stolz gehört unserem ökonomischen Vorzeigeschild, der Auto-Industrie. Wer in den Ledersitz gekuschelt im metallic-glänzenden Achtzylinder vorfährt, ist ein doller Hecht, der weiß, wie man lebt, auch wenn er sich für die Karre bis über beide Ohren verschuldet hat und sich nur noch Tetrapak-Wein „aus geografischem Anbaugebiet“ leisten kann, um die Raten abzustottern. Ein Verschwender ist das nicht.

 

Ein Verschwender ist in den Augen der Moralapostel derjenige, der ein Jahr lang von einem Sechs-Gang-Menü bei Tim Raue für 150 € träumt und die Dreistigkeit hat, sich diesen Traum zu erfüllen.

 

Um zur Eingangsfrage zurückzukehren und dieselbe zu beantworten: ich interessiere mich nicht für Autos. Ich fahr Fahrrad. Sonst könnte ich mir ja keinen Hummer leisten.

Und Sie?

 

© GM Corp. CC-BY-3.0, Hummer by Roberto Rodríguez (Eigenes Werk) GFDL oder CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 via Wikimedia Commons

Über den Autor Kurbjuhn

Chris Kurbjuhn lebt und schreibt in Berlin. Neben Drehbüchern, Theaterstücken und Musicals schreibt und betreut er mehrere Blogs, u. a. Männer unter sich – Die Kunst, ein Kerl zu sein Seine kulinarischen Erlebnisse schildert der engagierte Hobbykoch, der schon einmal unter Wolfram Siebecks Augen einen Strudelteig ausgezogen hat, auf Mit 55 Jahren um die Welt . Ideologien schätzt Kurbjuhn weder im Leben noch auf dem Teller. „Probiert wird alles!“, ist das Motto des bekennenden Innereien-Fans, und meistens wird er angenehm überrascht. Wofür sicherlich auch die Küchenvielfalt der Berliner Gastronomie verantwortlich ist. Chris Kurbjuhn
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Kommentare (3) -

 

Vielen Dank für diesen Beitrag, ich habe herzlich gelacht!

"Überschätztespitzengastronomiegaunerabzockelandgasthofschnitzelaldisowiesoallesbesserundbilliger." Das hätte von mir sein können! Laughing

Allerdings gehe ich sehr gerne auch mal exquisit essen - aber nur selten, denn es soll was Besonderes bleiben!

Und das Riesenauto finde ich auch doof.

10.12.2012 14:46:39 #
| Anne
 

"Wählen Sie ein Restaurant, dass Sie kennen – aber nicht so gut, dass Sie als Stammgast bekannt sind....."


Und sowas sollte nicht passieren: Das erste "dass" schreibt sich nur mit einem 's'.
Wenn eine Dame vor dem hors d'oeuvre solche Fehler macht, verzichte ich zumeist auf den Hauptgang.

19.12.2012 18:19:04 #
| Harald Moritz Bock
 

@ Anne: Freut mich, dass ich zur Unterhaltung beitragen konnte.
@ H. M. Bock: Sie haben so recht, derartige Flüchtigkeitsfehler sollten nicht passieren. Nur ist es der Beitrag "Romantisch ins Restaurant", auf den Sie sich beziehen, nicht meine - sicherlich auch fehlerbehafteten - Ausführungen zu Hummer und Bratkartoffeln. Frau Deißler ist also möglicherweise ein kleiner Fehler beim hors d'oeuvre unterlaufen. Aber Sie haben sich gleich ins falsche Lokal verirrt. Smile

20.12.2012 10:08:51 #
| Chris Kurbjuhn

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